DeutschlandID als Vorbild
Ein Branchenexperte der Timetoact Group bezeichnet 2026 und 2027 als entscheidend für die Digitalisierung öffentlicher Leistungen – und verweist auf Reformen in Deutschland rund um ein zentrales Nutzerkonto und eine digitale Identität. Für Österreich ergibt sich daraus vor allem eine Frage: Wie lassen sich Standards, Zuständigkeiten und Nutzererlebnis so bündeln, dass Behördenwege tatsächlich einfacher werden?
Ein Blick nach Deutschland – und was das für Österreich bedeutet

© Heinz-Peter Steiner
„2026/27 sind Schlüsseljahre für die digitale Transformation der öffentlichen Verwaltung“, sagt Heinz-Peter Steiner, Leiter des Öffentlichen Sektors bei der IT-Dienstleistungsgruppe Timetoact Group. Hintergrund sei, dass in Deutschland die Bundesregierung erstmals die strategische Führung im IT-Planungsrat übernimmt, der die Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen bei Digitalprojekten koordiniert. Steiner erwartet dadurch weniger Reibungsverluste, einheitlichere Standards und eine schnellere Umsetzung.
Auch wenn die Aussagen auf Deutschland zielen, sind die dahinterliegenden Herausforderungen – fragmentierte Zuständigkeiten, unterschiedliche Standards und lange Projektlaufzeiten – in vielen europäischen Verwaltungssystemen bekannt. Für Österreich rückt damit die Frage in den Vordergrund, wie konsequent Bund, Länder und Gemeinden Digitalvorhaben entlang gemeinsamer Standards und zentraler Basisdienste ausrollen.
Digitale Identität und zentrales Nutzerkonto als „One-Stop-Shop“
Einen wesentlichen Hebel sieht Steiner in einer digitalen Identität (eID) in Kombination mit einem bidirektionalen Nutzerkonto für die Kommunikation zwischen Bürgern und Verwaltung. In Deutschland soll das Nutzerkonto BundID 2026 zur „DeutschlandID“ weiterentwickelt und bis 2027 in das EU Digital Identity Wallet integriert werden. Vorgesehen ist dieser Weg im reformierten Onlinezugangsgesetz (OZG 2.0).
Der zentrale Account soll die Grundlage für das Once-Only-Prinzip schaffen: Daten oder Nachweise müssten künftig nur einmal angegeben werden, weil Behörden Informationen untereinander digital austauschen können, statt sie mehrfach abzufragen. Für Österreich wäre ein vergleichbarer Effekt dort zu erwarten, wo Verfahren heute an Medienbrüchen, uneinheitlichen Identifikationsprozessen oder fehlender Ende-zu-Ende-Digitalisierung scheitern.
Online-Notarverfahren als Praxisbeispiel
Als Beispiel für beschleunigte Digitalisierung nennt Steiner die Fortschritte beim Online-Notarverfahren mit Beglaubigungen per Videokonferenz. Notarielle Beurkundungen und Beglaubigungen seien für viele unternehmerische und gesellschaftsrechtliche Vorgänge zentral, um Rechtssicherheit herzustellen. Dass solche Verfahren per Videokonferenz rechtssicher möglich werden, bezeichnet er als Meilenstein – insbesondere für Unternehmensgründungen und Einträge in öffentliche Register.
Konkret erlaubt das Verfahren in Deutschland unter anderem die Gründung einer GmbH oder UG ohne persönlichen Termin im Notariat. Dazu zählen auch Vollmachten, Gesellschafterbeschlüsse und Satzungsänderungen inklusive Kapitalmaßnahmen. Möglich sind zudem Online-Anmeldungen zu mehreren Registern, etwa Handels- oder Vereinsregister. Voraussetzung sind ein eID-fähiger Ausweis, eine Notar-App beziehungsweise der Zugang zu einem entsprechenden Portal sowie Standardhardware wie Smartphone oder PC mit Kamera.
Vergleich mit Estland – Tempo statt Strukturdebatten
Steiner ordnet ein, dass Deutschland international nicht an der Spitze liege und verweist auf Estland als Vorreiter, wo zahlreiche Verwaltungsvorgänge seit Jahren online erledigt werden. Gleichzeitig nennt er Unterschiede: Estland sei kleiner und habe eine zentralere Verwaltungsinfrastruktur; nach 1991 habe das Land den Staatsapparat weitgehend neu aufgebaut – ohne gewachsene Papier-, Register- oder IT-Strukturen. Ein Schlüssel sei dort die verpflichtende digitale Identität als Authentifizierungsinstrument.
Für Österreich lässt sich daraus weniger ein Größenvergleich ableiten als ein Prinzip: Wo Basisdienste – Identität, Zustellung, Registerzugriff, Standards – verbindlich funktionieren, entstehen schneller nutzerfreundliche End-to-End-Prozesse.
Weitere Verfahren im Fokus: Führungszeugnis und eID-Nutzung
Als nächsten Schritt hebt Steiner die geplante Digitalisierung des Führungszeugnisses hervor, das häufig beim Jobwechsel benötigt werde und in Deutschland zu den stark nachgefragten Verwaltungsleistungen zählt. Zugleich kritisiert er, dass die eID-Funktion des Personalausweises, die es dort seit 2010 gibt, deutlich früher hätte genutzt werden können, um digitale Prozesse breiter aufzubauen.
Mit Blick auf den Reformstau formuliert Steiner dennoch Optimismus: Nach Jahren langsamer Fortschritte nehme die Verwaltungsdigitalisierung nun spürbar Fahrt auf.
Unternehmensprofil: Timetoact Group
Die Timetoact Group ist ein IT-Dienstleister mit Schwerpunkt auf Cloud-Plattformen und digitalen Lösungen für Großunternehmen sowie Kunden aus dem öffentlichen Sektor. Das Unternehmen berät zu IT-Strategien, Cloud-Transformation und setzt Technologien in den Bereichen KI, Daten sowie Software- und System-Engineering ein. Timetoact nennt Partnerschaften unter anderem mit AWS, Atlassian, Google, Microsoft, IBM und SAP. Die Gruppe beschäftigt nach eigenen Angaben mehr als 1.700 Mitarbeitende in 22 Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie in Service-Hubs in Zentraleuropa und Südostasien und erwirtschaftete 2024 einen Umsatz von über 360 Millionen Euro.