KI-Agenten rücken in den Unternehmensalltag vor
KI-Agenten entwickeln sich von spezialisierten Werkzeugen zu Systemen, die komplette digitale Arbeitsabläufe übernehmen können. Die Bonner Wirtschafts-Akademie sieht darin erhebliches Produktivitätspotenzial, zugleich aber neue Anforderungen an Governance, Sicherheit und Unternehmensführung.

© BWA
KI-Agenten könnten in den kommenden Monaten deutlich stärker in den Arbeitsalltag von Unternehmen einziehen. Davon geht die Bonner Wirtschafts-Akademie (BWA) aus. Geschäftsführer Harald Müller sieht insbesondere in Systemen wie Grok Bot einen Schritt hin zu einer breiteren Nutzung sogenannter Agentic AI.
„Grok Bot wird für Agentic AI die Rolle übernehmen, die ChatGPT Ende 2022 für die breite Wahrnehmung Künstlicher Intelligenz gespielt hat. Aus einem Schlagwort wird eine persönliche Erfahrung“, sagt Müller.
Unter Agentic AI werden KI-Systeme verstanden, die nicht nur einzelne Antworten liefern, sondern selbstständig mehrere Arbeitsschritte ausführen können. Nach Darstellung der BWA können solche Systeme Anwendungen und Websites bedienen und unterschiedliche Aufgaben zu zusammenhängenden Abläufen verbinden.
Müller spricht in diesem Zusammenhang von einem möglichen „Wendepunkt für die Produktivität“. Nutzer sollen künftig zunehmend nur noch das gewünschte Ergebnis beschreiben, während der KI-Agent die dafür notwendigen Zwischenschritte übernimmt.
Websites und Arbeitsabläufe automatisieren
Als einfaches Beispiel nennt die BWA die Erstellung einer Website. Nutzer ohne Programmierkenntnisse könnten einem KI-Agenten beschreiben, wie ein Internetauftritt aussehen und welche Funktionen er enthalten soll. Die technische Umsetzung übernimmt anschließend das System, während der Nutzer das Ergebnis prüft und Änderungswünsche formuliert.
Im Unternehmensalltag reichen die möglichen Anwendungen deutlich weiter. Im Vertrieb könnten KI-Agenten potenzielle Kunden recherchieren und Entwürfe für die Ansprache vorbereiten. Im Kundendienst könnten sie eingehende Anfragen prüfen und Antwortvorschläge erstellen.
Auch die Vorbereitung von Kundenterminen ließe sich mit Kalenderdaten, Unternehmensinformationen und weiteren Quellen verbinden. Aus einer Wettbewerbsanalyse könnte anschließend unmittelbar eine Präsentation entstehen.
Der wesentliche Unterschied zu heute verbreiteten KI-Anwendungen liegt aus Sicht der BWA darin, dass Agenten nicht nur einzelne Aufgaben beantworten, sondern komplette Abläufe bearbeiten und daraus ein zusammenhängendes Arbeitsergebnis erstellen.
BWA erwartet rasche Verbreitung
Die BWA rechnet in den kommenden Monaten mit einer deutlich stärkeren Nutzung von KI-Agenten in Unternehmen. Müller verweist dabei auf eine Gartner-Prognose, wonach bis Ende des Jahres rund 40 Prozent der Unternehmensanwendungen aufgabenspezifische KI-Agenten enthalten sollen. Mitte 2025 habe dieser Anteil noch bei weniger als fünf Prozent gelegen.
„Mit Grok Bot kann tatsächlich jeder für wenige Euro im Monat KI-Agenten für sich arbeiten lassen, ohne sich mit IT oder KI auszukennen“, sagt Müller.
Das Wachstum werde allerdings nicht von einem einzelnen Anbieter getragen. Auch andere KI-Unternehmen entwickeln Systeme, die Anwendungen auf Computern eigenständig bedienen sollen.
Nach Einschätzung Müllers liegt ein besonders großes Potenzial darin, dass KI-Agenten künftig nicht nur gängige Bürosoftware, sondern auch komplexe Unternehmenssysteme bedienen können. Dazu zählen etwa ERP-, CRM-, Buchhaltungs-, Warenwirtschafts- und Ticketsysteme sowie die Backends von Online-Shops.
Dadurch könnten sich bislang getrennte Arbeitsschritte stärker miteinander verbinden lassen. Ein Mitarbeiter könnte etwa eine Kundenanfrage mit Vertriebsdaten abgleichen, Produktinformationen heranziehen und anschließend ein Angebot vorbereiten lassen.
Governance und Sicherheit werden wichtiger
Mit zunehmenden technischen Möglichkeiten steigen allerdings auch die Anforderungen an Kontrolle und Sicherheit. Müller sieht Governance und Security als zentrale Herausforderungen beim Einsatz von Agentic AI.
„Der KI-Agent kann zwar das Angebot erstellen, aber ob er es auch automatisch an den Kunden schicken darf, muss in den Betriebsregeln festgelegt werden“, sagt er.
Besonders sensibel ist nach Ansicht der BWA der Zugriff auf zentrale Unternehmenssysteme. Damit KI-Agenten ihr Potenzial ausschöpfen können, müssten sie unter Umständen auf ERP-, CRM-, Dokumentenmanagement-, Produktions- oder Lieferkettensysteme zugreifen.
Die Entscheidung über Art und Umfang solcher Zugriffsrechte sei daher nicht allein eine technische Frage. Unternehmen müssten festlegen, welche Aufgaben automatisiert ausgeführt werden dürfen und bei welchen Schritten eine menschliche Freigabe erforderlich bleibt.
Auch Transparenz und Abhängigkeit könnten zu Problemfeldern werden. Wenn Vorschläge von KI-Systemen zunehmend ungeprüft übernommen würden, bestehe die Gefahr, dass formale menschliche Entscheidungen faktisch nur noch bestätigt werden.
„Die Gefahr liegt bei Pseudo-Entscheidungen. Wenn wir privat oder beruflich immer stärker davon ausgehen, dass die Vorschläge der KI schon richtig sein werden und wir sie nur noch pro forma abnicken, übernimmt die KI faktisch schleichend die Entscheidungsgewalt“, sagt Müller.
Risiko durch unkontrollierten Einsatz
Ein weiteres Thema ist der eigenständige Einsatz von KI-Agenten durch Beschäftigte außerhalb der betrieblichen IT-Strukturen. Müller spricht in diesem Zusammenhang von „KI-Schattenagenten“.
Mitarbeiter könnten solche Systeme nutzen, um persönliche Arbeitsabläufe zu beschleunigen und dabei auf Unternehmensanwendungen zugreifen. Dadurch entstünden neue Risiken für Datenschutz, Zugriffsrechte und Informationssicherheit.
Nach Einschätzung der BWA sollte deshalb klar geregelt werden, welche Systeme verwendet werden dürfen und welche Daten oder Anwendungen für KI-Agenten zugänglich sind.
Vom Solopreneur zum Ein-Personen-Unternehmen
Neben Veränderungen innerhalb bestehender Unternehmen könnte Agentic AI nach Ansicht Müllers auch neue Unternehmensmodelle fördern. Er verweist auf das Konzept des Solopreneurship, bei dem einzelne Personen mithilfe von KI verschiedene Funktionen eines Unternehmens selbst abdecken.
KI-Systeme könnten dabei Aufgaben aus Entwicklung, Vertrieb, Kundenservice oder Buchhaltung übernehmen. In den USA werde in diesem Zusammenhang bereits über sogenannte „One-Person Unicorns“ diskutiert – Unternehmen mit Milliardenbewertung, die im Kern von einer einzelnen Person betrieben werden.
Müller sieht darin sowohl wirtschaftliche Chancen als auch Risiken für den Arbeitsmarkt. Eine zunehmende Automatisierung könne Produktivität steigern und Kosten senken, zugleich aber den Personalbedarf in einzelnen Bereichen deutlich reduzieren.
Nächster Schritt: Verbindung mit der physischen Welt
Langfristig erwartet die BWA eine weitere Entwicklung über rein digitale Anwendungen hinaus. Müller geht davon aus, dass auf digitale KI-Agenten zunehmend physische Systeme folgen werden, darunter humanoide Roboter.
Bereits heute lassen sich Teile der physischen Umgebung über Smart-Home-Systeme digital steuern. In industriellen Anlagen könnten KI-Systeme künftig stärker mit softwarebasierten Steuerungen verbunden werden.
Damit würden jedoch auch die Risiken steigen. Eingriffe in Maschinen, Gebäude oder Produktionsanlagen erfordern nach Einschätzung der BWA eng definierte Berechtigungen, nachvollziehbare Prozesse und technische Schutzmechanismen.
„Mit dem Übergang der KI in die reale Welt wächst die Verantwortung“, sagt Müller. Unternehmen sollten daher zunächst mit klar abgegrenzten Aufgaben beginnen und ihre Beschäftigten im Umgang mit KI-Agenten schulen.
Parallel dazu empfiehlt die BWA, Regeln gegen eine unkontrollierte Nutzung entsprechender Systeme im Unternehmen zu etablieren. Entscheidend sei, Produktivitätsgewinne mit nachvollziehbaren Zuständigkeiten, Sicherheitsvorgaben und menschlicher Kontrolle zu verbinden.
